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Interview zu MONITOR-Bericht über Krebsmedikamente

Dr. med. Hagen Krüger, Medizinischer Direktor Pfizer Oncology in Deutschland, zu einem Bericht des WDR-Magazins MONITOR, der am 30. November in der ARD gesendet wurde.

Herr Krüger, ein Beitrag im Magazin Monitor legt nahe, dass neue Krebsmedikamente den Krebspatienten nicht wirklich nützen. Was ist da dran?

Die Situation von Krebspatienten in den letzten Jahren hat sich deutlich verbessert und innovative Krebsmedikamente haben daran einen maßgeblichen Anteil. Jeder Vierte, der 1990 in Deutschland noch an Krebs verstorben wäre, kann heute vor dem Krebstod bewahrt werden. Durch neue Medikamente wurde für Patienten also schon sehr viel erreicht.

Anlass des MONITOR-Berichts war ein Artikel im Fachmagazin BMJ (British Medical Journal). Die Autoren untersuchten, ob Krebsmedikamente, die zwischen 2009 und 2013 in Europa zugelassen wurden, das Überleben der Patienten verlängern oder sie die Lebensqualität verbessern können. In vielen Fällen war dies offenbar nicht der Fall. Was sagen Sie zu dieser Studie?

Der Artikel beruht auf einer zurückblickenden Analyse, die methodische Schwächen hat und auf unvollständigen Daten beruht. Das räumen die Autoren selbst ein. Und es gibt weitere kritische Stimmen zu der Analyse, zum Beispiel seitens Francesco Pignatti von der europäischen Zulassungsbehörde EMA, Tomas Salmonson vom Arzneimittelausschuss CHMP und anderen.

Worin sehen Sie methodische Schwächen der Analyse?

Viele der in diese Analyse aufgenommenen Studien waren nicht darauf angelegt, Gesamtüberleben und Lebensqualität zu messen. Die Aussagekraft der Studien nach diesen Messpunkten zu beurteilen, hat also wenig Sinn. Ein völlig anderes Bild ergibt sich, wenn man das progressionsfreie Überleben anschaut, auf das die Studien überwiegend ausgerichtet waren. Dieser Begriff bezeichnet die Zeitspanne, in der ein Tumor unter Kontrolle ist, also nicht wächst. Dieser Parameter wird von den Zulassungsbehörden weltweit anerkannt. Auch deutsche und internationale Fachgesellschaften sind überzeugt, dass das progressionsfreie Überleben eine Einschätzung ermöglicht, welchen Nutzen Patienten von einer Behandlung haben. Deshalb dürfen Patienten, die an einer Krebsstudie teilnehmen, in der Regel auch auf den untersuchten Wirkstoff wechseln, wenn klar gezeigt ist, dass dieser das progressionsfreie Überleben verlängern kann. Sonst würde ihnen ein Medikament vorenthalten, das ihre Situation nachweislich verbessern kann. Gleichzeitig können wir das Gesamtüberleben nur messen, wenn genügend Patienten das neue Medikament nicht bekommen, um vergleichen zu können. Das wirft neben methodischen Aspekten auch ethische Fragen auf und macht das Thema komplexer, als es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Für sinnvolle übergreifende Analysen brauchen wir deshalb differenziertere Ansätze als den des kürzlich veröffentlichten Artikels.

Was bedeuten diese Aspekte in der Gesamtschau?

Die Wirksamkeit und die Sicherheit eines Medikaments werden bereits durch die Zulassung behördlich bestätigt. In schwierigen Behandlungssituationen, wie es sie leider bei Krebserkrankungen häufig gibt, ist es wichtig, verschiedene Optionen zu haben. Jede Option öffnet wieder Türen und neue Behandlungsmöglichkeiten. Diese Optionen zu beschneiden ist nicht zielführend.

Vielen Dank, Herr Krüger, für das Gespräch.

Erfahren Sie in einem kurzen Video mit Dr. Johannes Wimmer mehr darüber, was Begriffe wie Gesamtüberleben und progressionsfreies Überleben bedeuten und wie sich diese Studienendpunkte unterscheiden.

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