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Metastasierter Brustkrebs

Prof. Dr. Anja Mehnert

Expertenbeitrag

»Viele Frauen haben das Gefühl, dass durch die Krankheit ihre weibliche Identität in Frage gestellt wird.«

Prof. Dr. Anja Mehnert Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Universitätsklinikum Leipzig

Prof. Dr. Anja Mehnert ist Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin am Universitätsklinikum Leipzig und leitet dort die Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie mit dem Schwerpunkt Psychosoziale Onkologie. Im Interview gibt sie Einblicke in die schwierige Situation von Frauen, die an metastasiertem Brustkrebs leiden, und erläutert, welche Unterstützung neben der medizinischen Versorgung für Patientinnen und ihre Angehörigen besonders wichtig ist.

Frau Prof. Mehnert, eine Krebsdiagnose ist immer ein Schock. Wie unterscheidet sich die psychische Belastung bei Patientinnen, die erstmals eine Krebsdiagnose erhalten, von denen mit einer wiederkehrenden Erkrankung?

Wenn die Krankheit zurückkommt, ist dies für viele Frauen mit Brustkrebs eine sehr einschneidende Diagnose und es fällt vielen schwer, noch einmal die ganze Kraft, Energie und die Motivation aufzubringen für die bevorstehende Therapie, zumal die körperlichen wie psychischen Kräfte der Patientinnen nach der bereits zurückliegenden Behandlung oft eingeschränkt sind. Beim metastasierten Brustkrebs kommt noch etwas hinzu: die Unheilbarkeit. Sich mit dieser Situation auseinanderzusetzen ist schwierig und für die Patientinnen und ihre Angehörigen oft ein längerer Prozess. Viele Patientinnen geraten dabei in eine ambivalente Situation. In manchen Fällen empfehlen Ärzte, sich Gedanken über das nahende Lebensende zu machen und eine palliative Versorgung vorzubereiten. Gleichzeitig erwarten die Angehörigen meist, dass die Patientinnen kämpfen und optimistisch bleiben sollen. In dieser Situation eine eigene Position zu entwickeln, ist für die betroffenen Frauen alles andere als leicht.  

Gibt es beim Brustkrebs bzw. metastasierten Mammakarzinom besondere psychische Belastungen, die sich von anderen Krebsarten unterscheiden?

Die Brust ist ein sichtbares Organ und Brustkrebs eine Krankheit, die sich meist nicht verleugnen lässt. Durch die Therapie können dauerhafte Veränderungen des Körpers entstehen, die für viele Frauen eine Beeinträchtigung des eigenen Körperbildes bedeuten. Die weibliche Brust ist für Frauen mit vielen Aspekten verknüpft. Diese reichen von der Mutterrolle bis hin zu Rolle als sexuell aktive Partnerin. Viele Frauen haben das Gefühl, dass durch die Krankheit ihre weibliche Identität in Frage gestellt wird. Oft reagieren Frauen darauf mit einer hohen psychischen Belastung, zum Beispiel Schamgefühl, und manche ziehen sich von ihren Partnern zurück. Auswirkungen auf die private Situation gibt es natürlich auch bei anderen Krebsarten, aber beim Brustkrebs, egal ob bei der Erstdiagnose oder im metastasierten Stadium, ergibt sich in vielen Fällen eine besonders schwierige Situation.

Welche Formen der Unterstützung sind neben der medizinischen Versorgung für die Patientinnen besonders wichtig? 

Die betroffenen Frauen benötigen vielfältige Unterstützung – nicht nur medizinische. Welche konkreten Hilfen eine Frau braucht, lässt sich aber nur individuell entscheiden, denn jeder Fall ist anders. Manche sind auf Unterstützung im Alltag angewiesen, beispielsweise auf eine Haushaltshilfe, andere brauchen vor allem psychologische Unterstützung, denn durch die Krankheit können starke Ängste und Depressionen entstehen. Wichtig sind auch gut verständliche Informationen zur Therapie und ein Gesamtbehandlungsplan, damit die Patientinnen und die Angehörigen besser verstehen, was auf sie zukommt und welche Therapieoptionen bestehen. Problematisch ist dabei, dass die Patientinnen in der ambulanten Versorgung oft nicht die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Meist geht es denen besser, die eine Familie oder Freunde haben, die sich kümmern und mithelfen. Doch bei alleinstehenden und älteren Patientinnen erleben wir oft, dass es den Frauen sehr schwer fällt, sich nach der stationären Versorgung aus eigener Kraft zusätzliche Unterstützung zu holen.

Bildergalerie Metastasierter Brustkrebs

 
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Mit welchen Emotionen kämpfen die Angehörigen? Können sie den Patientinnen helfen – oder benötigen sie selbst auch eine Unterstützung?

In unserer Ambulanz erleben wir häufig, dass viele Angehörige ebenso stark belastet sind wie Patienten selbst. Laut Studien benötigen etwa ein Drittel der Angehörigen eine psychologische Unterstützung. Verlustängste spielen dabei eine große Rolle und das Gefühl, extrem erschöpft zu sein. Zuhause versuchen viele Angehörige, stark zu sein und ihre eigenen Ängste und Sorgen möglichst nicht anzusprechen. Für viele ist es eine große Erleichterung, wenn sie in einem Gespräch mit einem Psychologen oder einer Psychologin ihre negativen Gefühle offen ausdrücken dürfen. Es hilft aber auch schon, wenn Angehörige erkennen, dass sie nicht rund um die Uhr für den kranken Menschen da sein müssen und dass sie sich Auszeiten gönnen – abends mal ins Kino oder ein Bier trinken mit Freunden, das sollte auf jeden Fall möglich sein.

Viele Menschen nutzen das Internet als medizinische Informationsquelle. Worauf sollten Patientinnen achten, die sich im Netz über metastasierten Brustkrebs informieren möchten?

Meist geht es Patientinnen, die sich aktiv mit der Krankheit und ihrer Situation auseinandersetzen, besser als denen, die ihre Krankheit verdrängen. Prinzipiell spricht also nichts dagegen, sich im Internet zu informieren. Wichtig ist, dass medizinische Informationen auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage beruhen. Deshalb sollte man nachschauen, welche Quellen oder Links auf einer Website benutzt werden. Es sollten medizinische Fachgesellschaften beteiligt sein oder als Quelle genannt werden. Außerdem sollte man darauf achten, wer die Website entwickelt hat und ob die Autoren Experten auf ihrem Gebiet sind.

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