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Prävention

„Antimikrobielle Resistenzen: Wenn lebenswichtige Medikamente wirkungslos werden.“

Antimikrobielle Resistenzen (AMR) sind eine gewaltige gesundheitliche Herausforderung. Sie kann jeden von uns treffen, in jedem Land, in jedem Alter. Was zur Disposition steht? Nicht weniger als die Errungenschaften der modernen Medizin.

Manchmal sind wir Menschen Meister im Wegschauen. Wir blenden dann aus, wo eigentlich energisches Handeln notwendig wäre. Beispiele? Die Klimakrise, vor der renommierte Wissenschaftler schon seit den 1970er Jahren gewarnt haben. Oder die aktuelle Pandemie. Trotz der beeindruckenden Tatsache, dass sich die Wissenschaft gerade selbst überflügelt, hätten wir vieles besser vorbereiten können. Denn die Frage war nicht, ob eine Pandemie kommt, sondern wann. Pandemien sind ein Teil der Menschheitsgeschichte.

Gesundheitskrisen gibt es mehr, als uns das in Europa klar ist. Darauf hat die Weltgesundheitsorganisation kürzlich erst aufmerksam gemacht (nachzulesen in „Gesundheitskrisen, von denen Du in 2020 nicht gehört hast“). Es waren 60 an der Zahl, bei denen die WHO interveniert hat – von einem Ausbruch durch das Chikungunya-Virus im Tschad, über Gelbfieber-Epidemien in Gabun und Togo, bis hin zu Masern-Ausbrüchen in Mexiko. Weit weg? Dass uns diese Krisen nicht egal sein können – auch das hat uns gerade das SARS-CoV-2-Virus beigebracht. Viren kennen keine Grenzen.

AMR: Wenn eigentlich wirksame Arzneimittel unwirksam werden

Das gilt auch für Bakterien, Pilze und Parasiten. Lange Zeit dachte die Menschheit, sie hätte das Thema antimikrobielle Resistenzen (antimicrobial resistance, kurz: AMR) fest im Griff. Heute wissen wir: Das war ein Irrtum.

AMR haben zur Folge, dass eigentlich wirksame Arzneimittel unwirksam werden. Denn Krankheitserreger sind wahre Verwandlungskünstler. In ihrem Kampf ums Überleben lassen sie sich so schnell nicht kleinkriegen. Das ist ein Gesetz der Biologie. Der Rest ist menschengemacht. So werden beispielsweise Antibiotika wirkungslos, weil sie zu oft und oft falsch eingesetzt werden (auch in der Tiermast), bzw. weil Bakterien lernen, zu überleben. Niedrige Impfraten begünstigen das Problem – etwa, wenn Grippe-Patienten ins Krankenhaus müssen und sich dort dem Risiko multiresistenter Keime aussetzen, oder wenn Infektionen, die durch Impfungen vermeidbar gewesen wären, mit Antibiotika behandelt werden müssen.

Was zur Disposition steht? Nicht weniger als die Errungenschaften der modernen Medizin.

AMR sind eine gewaltige gesundheitliche Herausforderung. Sie kann jeden von uns treffen, in jedem Land, in jedem Alter. Was zur Disposition steht? Nicht weniger als die Errungenschaften der modernen Medizin. Antiinfektiva haben die komplexe Chirurgie, wie wir sie heute kennen, überhaupt erst sicher und möglich gemacht, zum Beispiel Eingriffe, bei denen das Immunsystem unterdrückt werden muss. Dank anti-infektiver Therapien können wir kleine Infektionen behandeln und größere Erkrankungen auskurieren.

Die forschende pharmazeutische Industrie hat mit der Gründung des AMR Action Fund einen wichtigen Schritt getan. Das Ziel: zwei bis vier neue Antibiotika bis 2030. Dazu haben sich mehr als zwanzig Pharmaunternehmen, Stiftungen und die Europäische Entwicklungsbank zusammengetan und investieren eine Milliarde Euro, um die Forschung zu unterstützen und um jungen Biotech-Firmen unter die Arme zu greifen. Das ist wichtig, denn für neue Antibiotika gibt es kein funktionierendes Geschäftsmodell. Sind sie entwickelt, was aufwändig und wirtschaftlich riskant ist, sollen sie möglichst nicht eingesetzt werden, solange sie nicht wirklich gebraucht werden. So genannte Reserveantibiotika helfen beim Zeit gewinnen; den entwickelnden Unternehmen helfen sie nicht, denn im Grunde heißt das: „Entwickelt bitte etwas, aber verkauft es nicht.“ Auch deswegen haben bereits viele Unternehmen aufgegeben – obwohl sie vielversprechende Wirkstoffe in der Pipeline hatten.

AMR – eine gigantische Herausforderung

AMR sind eine gigantische Herausforderung – für die Wissenschaft und Medizin, für die öffentliche Gesundheit, für die Wirtschaft und für Unternehmen wie uns. Auch wenn ein Umdenken bereits stattfindet: Wir müssen jetzt und entschiedener handeln. Niemand kann das Problem allein lösen. Vielleicht können wir auch hier aus der Covid-19-Krise lernen: Wir müssen die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, wissenschaftlichen Instituten und den forschenden Unternehmen vertiefen. Initiativen wie der Aktionsfonds gegen antimikrobielle Resistenzen sind genau das, was wir jetzt brauchen. Nur gemeinsam können wir der Herausforderung begegnen.

Auch wenn Covid-19 gerade all unsere Energie erfordert: Wir müssen die Herausforderung durch Arzneimittelresistenzen genauso ernst nehmen. Wir müssen heute handeln, um auf morgen vorbereitet zu sein. Denn eine Zeit, in der Medikamente gegen Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten nicht mehr helfen, ist etwas, das wir nicht erleben wollen.

„Wir müssen nachsitzen im Fach Prävention. Wir müssen unser Gesundheitssystem stärker auf Vorsorge trimmen.“

Bessere Krankheitsvorsorge hat viel mit persönlicher Verantwortung zu tun. Aber eine erfolgreiche Prävention ist mehr. Sie ist auch eine Systemfrage.

Die Corona-Pandemie macht etwas mit uns. Wir denken zum Beispiel intensiver über unsere Ernährung nach – lokale Biomärkte haben ungeahnten Zulauf. Wir werden gesundheitsbewusster. Das belegt unsere repräsentative Umfrage, bei der fast jeder Zweite erklärt hat, dass er Präventionsmaßnahmen für wichtiger hält als vor der Pandemie. Doch wie retten wir die guten Vorsätze in eine Zeit danach? 

Natürlich: Bessere Krankheitsvorsorge hat viel mit persönlicher Verantwortung zu tun. Aber eine erfolgreiche Prävention ist mehr. Sie muss an vielen Stellschrauben drehen. Sie ist auch eine Systemfrage.

Wir brauchen eine Präventionswende

Wir müssen Nachsitzen im Fach Prävention. Wir müssen unser Gesundheitssystem stärker auf Vorsorge trimmen. Mehr als jeder Dritte Krebsfall könnte durch Vorsorgeprogramme verhindert werden. Intelligente Nutzung von Gesundheitsdaten kann Krankheitsrisiken erkennen, lange bevor der „Reparaturbetrieb Gesundheitswesen“ angeworfen werden muss. In der Primärprävention – dem Impfen – brauchen wir Initiativen und Programme. Dass sie funktionieren, zeigen uns viele Beispiele aus anderen Ländern. Gerade beim Impfen laufen wir den Möglichkeiten hinterher. Die Masern ausrotten? Mehrmals verschoben. Die Impfraten der Risikogruppen bei Grippe oder Pneumokokken? Teilweise erschreckend niedrig.

Die Menschen spüren, dass sie sich besser schützen könnten. Aber 37 Prozent der Befragten gaben an, dass sie bessere Informationen über Vorsorgemaßnahmen wünschen, 27 Prozent finden entsprechende Bonusprogramme ihrer Krankenkasse interessant. Und man zeigt sich offen für neue Wege: Jeder Vierte würde eine Präventions-App nutzen und jeder Fünfte gibt an, zusätzliche Angebote von Apotheken in Anspruch nehmen zu wollen.

Krankheitsvorsorge muss selbstverständlich werden. Sie muss sich in den Alltag der Menschen integrieren; einfacher werden. Mit Initiativen, die Hürden abbauen, kann die Wende zu einem nachhaltigeren und vorsorgefreundlicheren Gesundheitssystem geschafft werden.

Martin Fensch während er spricht

„Das Gesundheitswesen als Reparaturbetrieb – das reicht nicht mehr. Doch in Sachen Prävention passiert (zu) wenig.“

„Das Gesundheitswesen als Reparaturbetrieb – das reicht nicht mehr. Doch in Sachen Prävention passiert (zu) wenig.“

Beispiel Impfraten: Wohin man schaut, verpassen wir wichtige Impfziele; sei es bei Grippe oder bei Masern.
28 % der Deutschen fühlen sich nicht ausreichend über Impfungen informiert.

Krisen sind immer auch Chancen, heißt es in Zeiten wie diesen gerne. Ich mag diesen Satz nicht besonders. Er suggeriert, dass wir immer erst eine veritable Krise brauchen, um zu sehen was gut läuft und was nicht. Krisen sind wie ein Brennglas? Da gehe ich mit. Sie sind ein – manchmal auch brutaler – Realitätscheck. Sie zeigen auf, ob wir die Zeiten vor einer Krise gut genutzt haben.

Deutschland ist im Vergleich zu den meisten anderen Ländern bisher relativ gut durch die Pandemie gekommen. Dafür gibt es viele Gründe. Das deutsche Gesundheitssystem hat sich als robuster erwiesen, als viele vor der Pandemie gedacht haben. Wir können uns auf die vielen Menschen, die deutschlandweit in Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, in der Forschung von Kliniken, Instituten und Unternehmen tätig sind, verlassen.

Nachholbedarf in Sachen Prävention

Das ist ein beruhigendes Gefühl – das die Mehrheit der Deutschen teilt. Fast 80 Prozent haben in einer von uns initiierten Umfrage angegeben, dass unser Gesundheitssystem gut darin ist, Krankheiten zu behandeln. Aber nur 58 Prozent glauben, dass es auch gut darin ist, Krankheiten zu vermeiden, bevor sie entstehen.

Eine Lehre aus dieser Pandemie ist: Das Gesundheitswesen als Reparaturbetrieb – das reicht nicht mehr. Doch in Sachen Prävention passiert (zu) wenig. Beispiel Impfraten: Wohin man schaut, verpassen wir wichtige Impfziele; sei es bei Grippe oder bei Masern. Pneumokokken-Impfstoffe, die schwere Lungenentzündungen vermeiden können, wurden vor Beginn der Pandemie nur von 4,4 Prozent der Risikogruppe genutzt.

Fast jeder Dritte hat in unserer Umfrage angegeben, sich nicht ausreichend darüber informiert zu fühlen, welche Impfungen er benötigt. Was ist schon alles versucht worden: vom Appell ans soziale Gewissen über den erhobenen Zeigefinger – nur genutzt hat es wenig. Mein Vorschlag: Basierend auf den entsprechenden wissenschaftlichen Studien und unter Vermeidung von Emotionen sachliche, gut strukturierte, nachvollziehbare Informationen anbieten, wie, wann, was, warum geimpft werden sollte – auch als Gegengewicht zu den vielen in den Sozialen Medien kursierenden Falschinformationen. Impfen muss einfacher werden.

Höhere Impfraten sind zwar nicht der einzige, aber doch ein entscheidender Baustein für die Zukunft. Hier müssen wir endlich vorankommen, um auf die nächste Pandemie besser vorbereitet zu sein.