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Mit vereinten Kräften

Wenn sie in Deutschland ankommen, sind sie erschöpft. Die meisten Menschen sind von den Strapazen ihrer Flucht physisch und psychisch gezeichnet. Für mehr als 800 Flüchtlinge in der Notunterkunft in Wilmersdorf übernehmen Mithu Sen und ihr Team die medizinische Erstversorgung.

Es folgt ein Zitatblock der nicht in den unmittelbaren Lesefluss gehört:

»Wir erleben jeden Tag von neuem, was wir mit vereinten Kräften in relativ kurzer Zeit erreichen können.«

Mithu Sen Fachärztin für Kinderheilkunde

Ende des Zitatblocks

Mehr als ihr Stethoskop und ein Otoskop hatte sie an diesem Abend nicht dabei. Und es wurde eine lange Nacht. Eine von vielen, seit die Notunterkunft im ehemaligen Rathaus Berlin-Wilmersdorf Ende August eröffnet wurde. Mithu Sen hatte aus der Zeitung erfahren, dass die ersten Flüchtlinge dort untergebracht worden waren. Zuvor war sie mit der Erstversorgung am LaGeSo beschäftigt – dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, eine der beiden Aufnahme- und Registrierungsstellen für alle der rund 70 000  bislang in Berlin angekommenen Flüchtlinge. Ein Mediziner, den sie auf einer Veranstaltung des Freiwilligen-Netzwerks ‚Medizin hilft Flüchtlingen‘ kennengelernt hatte, nahm sie mit. „Ich fuhr dort hin, weil ich dachte, dass dort meine Hilfe vielleicht gebraucht wird“, erzählt Mithu Sen. Die Fachärztin für Kinderheilkunde, Tochter indischer Einwanderer, lebt in Wilmersdorf. Ihr Arbeitsplatz ist genau gegenüber der Notunterkunft am Fehrbelliner Platz, das Gesundheitsamt.

Ihre Hilfe in Wilmersdorf war sogar dringend notwendig: Unter den 70 Menschen, die angekommen waren und von den Mitarbeitern des Arbeiter-Samariter-Bundes empfangen wurden, waren viele, die über Schmerzen und andere Beschwerden klagten und versorgt werden mussten. Ein Zimmer im Erdgeschoß wurde zum Behandlungsraum erklärt – zunächst wurden dort sowohl Männer als auch Frauen gleichzeitig behandelt. Mithu Sens erste Patientin war eine Frau, die mit ihren beiden Kindern – einem 14jährigen Jungen und einem 13jährigen Mädchen – aus Pakistan geflohen waren. Die Mutter hatte bereits seit mehreren Wochen starke Bauchschmerzen. Als die Kinderärztin die Familie auf ihre Flucht ansprach, fing die Tochter an zu weinen: „Sie hatten Schlimmes erlebt. Sie kamen ohne den Vater in Deutschland an.“ Seitdem fragt Mithu Sen die Menschen, die sie behandelt, nicht mehr nach den Beweggründen zur Flucht. Viele erzählen ihr ihre Geschichte auch so. Beispielsweise der Mann, der sechs Stunden im Meer hinter dem Boot herschwamm, in dem seine Familie war. Oder ein anderer, der von der Türkei aus nach Deutschland gelaufen war und mit komplett zerschundenen, offenen Füßen ankam.

 

Die Menschen sind von der Flucht gezeichnet. Viele sind erschöpft, haben Kopfschmerzen, Zahnschmerzen und Erkältungskrankheiten. Die Kinder haben häufig Fieber, oft auch eine Lungenentzündung. „Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Asthma, Diabetes und Epilepsie haben manchmal seit Wochen ihre Medikamente nicht mehr eingenommen. Doch: 90 Prozent der Patienten können wir hier gut behandeln“, sagt Mithu Sen. Mittlerweile übernimmt ein Team von 30 Medizinern verschiedener Fachrichtungen der Initiative ‚Medizin hilft Flüchtlingen‘, Pflegekräften, Hebammen und Psychologen  die physische und psychische Erstversorgung der mehr als 800 Menschen am Fehrbelliner Platz. Wohlgemerkt: Neben ihrer regulären Arbeit. „Die Dienstpläne zu erstellen ist eine wahre Kunst“, so Mithu Sen. Seit Kurzem bekommen die Mediziner Unterstützung durch eine Mitarbeiterin der AOK Nordost, die von der Krankenkasse dafür freigestellt wird. Medikamente werden durch Spendengelder eingekauft. Die fließen vor allem, seitdem Bundespräsident Joachim Gauck die Notunterkunft im Sommer besucht hat. Wenn die Ärzte vor Ort nicht mehr weiterkommen, können sie ihre Patienten in zwei umliegende Krankenhäuser überweisen. Zusätzlich werden sie vom gegenüberliegenden Gesundheitsamt unterstützt,  dort werden Kinder auch unabhängig davon, ob sie einen grünen Schein haben, behandelt.  

Es folgt ein Zitat das nicht in den Lesefluß gehört:

Es berührt mich, wie Bürger, Institutionen und Unternehmen zusammenarbeiten.

Mithu Sen

Zitatende

Bei der Frau aus Pakistan stellte sich im Krankenhaus heraus, dass sie an Eierstockkrebs litt. Sie wurde sofort operiert und wird seit ihrer Entlassung in der Notunterkunft weiter ambulant betreut. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. „Wir erleben jeden Tag von neuem, was wir mit vereinten Kräften in relativ kurzer Zeit erreichen können", berichtet Mithu Sen. „Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Es berührt mich, wie Bürger, Institutionen und Unternehmen zusammenarbeiten.“ Das gelte auch für das Engagement von Pfizer, das 50 Mitarbeiter freigestellt hatte, um die Behandlungsräume zu streichen und ‚Medizin hilft Flüchtlingen‘ mit Spenden unterstützt.

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