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Antibiotikaresistenzen – auf dem Weg ins medizinische Mittelalter?

Wenn sich im Umgang mit Antibiotika nichts ändert, ist die weitere Ausbreitung von Infektionen mit resistenten Erregern unvermeidbar – mit unkalkulierbaren Folgen. Ein Gespräch über die Hintergründe, Handlungsdruck und mögliche Wege mit Caroline Schweizer, Senior Medical Affairs Scientist für Antiinfektiva bei Pfizer.

"Britische Forscher haben berechnet, dass im Jahr 2050 antimikrobielle Resistenzen rund zehn Millionen Menschen weltweit das Leben kosten werden, wenn die Entwicklung im gleichen Tempo voranschreitet.”Caroline SchweizerSenior Medical Affairs Scientist für Antiinfektiva bei Pfizer

Fünf Handlungsempfehlungen, um antimikrobiellen Resistenzen wirkungsvoll begegnen zu können

Infektionskrankheiten in den Mittelpunkt des Handelns stellen

Wir müssen Infektionskrankheiten in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen und der Bedrohung durch AMR gezielter begegnen. Wir müssen Antimicrobial-Stewardship-Programme für einen rationalen und verantwortungsvollen Einsatz in allen Einrichtungen unseres Gesundheitswesens implementieren und standardisieren. Dazu gehören Qualitätsmanagement, eine bessere Aus- und Fortbildung und schlicht mehr Geld für Infektiologie. 

Zugang zu und Schnelligkeit von mikrobiologischer Diagnostik müssen verbessert werden

Noch immer wird jede zweite Antibiotikabehandlung ohne Diagnose des Erregers begonnen. In der Folge wird die Infektion möglicherweise zu breit oder sogar falsch behandelt, neue Resistenzen entstehen. Der Zugang zu und die Schnelligkeit von mikrobiologischer Diagnostik muss daher verbessert werden. Denn eine schnelle adäquate Therapie kann Leben retten. 

Prävention durch Impfungen stärken

Die präventive Wirkung von Impfstoffen bei der Bekämpfung und Eindämmung von AMR muss besser genutzt werden. Niedrige Durchimpfungsraten bedeuten tendenziell mehr Infektionskrankheiten. Impfungen können Infektionskrankheiten schon vor ihrer Entstehung verhindern und so auch Resistenzen vorbeugen. 

Zugang zu neuen wirksamen Behandlungsmöglichkeiten

Schon heute wird fast 40 Prozent der AMR-Last durch Resistenzen gegen Reserveantibiotika verursacht. Patient:innen benötigen daher dringend Zugang zu neuen wirksamen Behandlungsmöglichkeiten. Unternehmen, die neuartige Antibiotika entwickeln, sind hierzulande mit Herausforderungen in Bezug auf Preisgestaltung und Finanzierung konfrontiert.

Ein nachhaltiges Ökosystem für Innovationen sicherstellen

Forschung und Entwicklung brauchen Anreize. Bei neuen Antibiotika-Klassen erreicht nur jeder 30. Wirkstoffkandidat aus der präklinischen Entwicklung das Krankenbett. Gleichzeitig sind forschende Unternehmen mit begrenzten Umsatzerlösen konfrontiert – denn neu entwickelte Antibiotika sollen möglichst sparsam eingesetzt werden. Das aktuelle Geschäftsmodell für die Entwicklung neuer Antibiotika funktioniert nicht. Die Politik muss ihre Bemühungen verstärken, ein nachhaltiges Ökosystem für Innovationen sicherzustellen.

COVID-19 ist seit Monaten das alles bestimmende Thema. Verlieren wir darüber andere Erreger aus dem Auge? 

In gewisser Weise ja. Wir befinden uns mitten in einer Pandemie, ausgelöst durch ein Virus, das uns zeigt, welch großen Schaden kleinste Organismen anrichten können, wenn es weder einen Impfstoff noch wirksame Therapien gibt. Seit Jahren entwickelt sich noch ein anderes Problem, das für die Menschheit perspektivisch zu einer noch größeren Bedrohung werden könnte: Die Verbreitung multiresistenter Keime.

Von welchem Ausmaß sprechen Sie?

Nach aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben schon jetzt jährlich weltweit 700 000 Menschen an Infektionen mit multiresistenten Erregern, davon ca. 33 000 in Europa. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, und die Ausbreitung nimmt weiter zu. Britische Forscher haben berechnet, dass im Jahr 2050 antimikrobielle Resistenzen rund zehn Millionen Menschen weltweit das Leben kosten werden, wenn die Entwicklung im gleichen Tempo voranschreitet.

Worauf ist dieser Anstieg zurückzuführen?

Auf den übermäßigen Gebrauch von Antibiotika in Situationen, wo sie gar nicht nötig sind, etwa bei Virusinfekten. Auf zu langen, zu einseitigen und zu häufigen Einsatz, unter anderem in Ländern, in denen Antibiotika nicht verschreibungspflichtig sind. Und auch hierzulande spielt in den Kliniken der Preisdruck bei der Wahl eines Antibiotikums eine Rolle, was ebenfalls zu einem einseitigen Einsatz führen und so Resistenzen fördern kann. Und dann die Massentierhaltung. Hier werden teilweise Substanzen eingesetzt, die im Humanbereich als Reserveantibiotika gelten. Und das nicht vorrangig zur Vorbeugung und Behandlung von Infektionen, sondern, was viele Verbraucher nicht wissen, zu Mastzwecken.

Wie entstehen Resistenzen überhaupt?

Wenn man eine Infektion mit einem Antibiotikum behandelt, werden empfindliche Erreger - und das ist die Mehrzahl - abgetötet. Die Erreger jedoch, die zufällig resistent sind, bleiben zurück und können sich nun stärker ausbreiten. Bewährt sich so ein Resistenzmechanismus, kann dieser auch auf andere Bakterien weitergegeben werden, sogar wenn sie einer anderen Art angehören. So können sich Resistenzen immer weiter ausbreiten - im allerschlimmsten Fall so lange, bis all unsere verfügbaren Antibiotika nicht mehr wirksam sind.

Und dann?

Dann wären wir wieder im medizinischen Mittelalter. Wir würden wieder in einer Welt leben, wo jeder Mensch an einer einfachen Wundinfektion oder einer Lungenentzündung sterben kann. Wo es für einen 25-Jährigen einem Todesurteil gleichkommt, wenn er beispielsweise nach einem Fahrradunfall eine Wundinfektion entwickelt. Die gesamte moderne Medizin, wie wir sie kennen, wäre in Gefahr.

Wie meinen Sie das konkret?

Ein Beispiel: Was nützt eine Lebertransplantation, deren Kosten im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegen, wenn der Patient, dessen Immunsystem ja unterdrückt werden muss, damit der Körper das fremde Organ nicht abstößt, dann an einer unkomplizierten bakteriellen Infektion verstirbt? Erkrankungen wie Krebs rangieren ja erst seit wenigen Jahrzehnten so weit oben unter den häufigsten Todesursachen, weil die Lebenserwartung in der „Prä-antibiotischen Ära“ deutlich geringer war.

Ist es denn so schwierig, ein neues Antibiotikum zu entwickeln?

Ich denke, die Entwicklung einer neuen Wirkstoffklasse ist nie trivial. Die Wirkprinzipien, um ein Bakterium abzutöten, sind begrenzt. Es gibt verschiedene Angriffspunkte, die man bereits nutzt, etwa die Proteinsynthese oder den Stoffwechsel des Bakteriums. Es wird somit immer schwieriger, wirklich neue Ansätze zu finden.

Überhaupt ist die Arzneimittelentwicklung heute in vielen Bereichen eine ganz andere als noch vor 20 Jahren, es geht um sehr spezielle Therapieansätze unter der Nutzung innovativer Verfahren. Es wird somit für ein Unternehmen, das in vielen Indikationsbereichen aktiv ist, immer schwieriger, seine Expertise zu bündeln und solch spezielle Therapieformen zu entwickeln. Heute sind die Firmen, die an neuen Wirkansätzen gegen Bakterien und Pilze forschen, oft kleinere Biotech-Unternehmen, die dann an den hohen Kosten scheitern, die anfallen, um die entwickelte Substanz auf den Markt zu bringen.

Es geht also nicht nur darum, neue Substanzen zu entwickeln, sondern auch darum, Unterstützungsmodelle für kleinere Biotech-Startups zu finden sowie allgemein Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Entwicklung neuer Antiinfektiva wieder attraktiv machen.

Was bedeutet das für die Finanzierbarkeit solcher neuen Therapien?

Neue, wirksame und innovative Therapien bedeuten in der Regel zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem.  Aktuell ist das System auf Jahrestherapiekosten ausgelegt und nicht auf einmalige Kosten einer Therapie.
Hinter der Forschung an den neuen Therapien stehen ebenfalls hohe Kosten:  Es handelt sich um einen jahrzehntelange Entwicklungsprozess, in dem viele vielversprechende Ideen geprüft werden müssen. Am Ende schaffen es nur wenige – manchmal nur eine Entwicklung zur Marktreife.  Die klinischen Studien für diese seltenen Erkrankungen müssen global organisiert werden, weil nur wenige PatientInnen für eine spezifische Seltene Erkrankung in einem einzelnen Land zur Verfügung stehen und spezielle Anforderungen diesbezüglich existieren. Die Studien laufen deshalb in 15 bis 20 Ländern, jedes Mal mit einer neuen Zulassungsbehörde und logistischem Aufwand.

Sind sie das nicht?

Nein. Rein wirtschaftlich betrachtet ist die Entwicklung eines neuen Antibiotikums in vielen Fällen ein Verlustgeschäft. Die Tagestherapiekosten für ein Krankenhausantibiotikum, das keinen Patentschutz mehr hat, sind sehr niedrig, liegen zum Teil sogar im einstelligen Bereich. Zudem sollen neue Antibiotika, die auch bei multiresistenten Erregern noch wirksam sind, ja möglichst selten eingesetzt werden, damit sie lange als Therapieoption erhalten bleiben. Es liegt somit auf der Hand, dass die Ausgangsbedingungen, um in die Entwicklung neuer Antibiotika zu investieren, nicht unbedingt optimal sind.

Was muss sich hier ändern?

Inzwischen hat man erkannt, dass es hier spezielle Förderprogramme braucht, für die es auch bereits erste internationale und nationale Beispiele gibt. Auch besondere Rahmenbedingungen, vergleichbar zu denen für Medikamente zur Behandlung seltener Erkrankungen, was die automatische Anerkennung eines Zusatznutzens im Nutzenbewertungsverfahren angeht, sind aktuell für Reserveantibiotika in Planung. Zudem brauchen wir neue Erstattungssysteme für Antibiotika in der Klinik, da der Einsatz innovativer, teurerer Reserveantibiotika genauso wenig wie eine umfangreiche Resistenztestung in den DRG-Fallpauschalen ausreichend abgedeckt ist. Das sind Schritte in die richtige Richtung, es reicht aber nicht aus.

Ist Pfizer in der Erforschung neuer Antiinfektiva aktiv?

Ja, wir investieren in die Entwicklung neuer Antibiotika. Ein Beispiel dafür ist der Aktionsfonds gegen antimikrobielle Resistenzen, die in diesem Jahr gestartete und bisher größte weltweite Initiative im Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen. Mehr als 20 pharmazeutische Unternehmen, Stiftungen und die europäische Entwicklungsbank haben sich zum sogenannten AMR Action Fund zusammengeschlossen, mit dem Ziel, mit insgesamt fast einer Milliarde US-Dollar die Entwicklung neuer Antibiotika voranzutreiben, junge Biotech-Unternehmen in diesem Bereich zu unterstützen und bis 2030 die Entwicklung von zwei bis vier neuen Antibiotika zu ermöglichen. Pfizer beteiligt sich mit 100 Millionen US-Dollar.


Quellen:

https://www.who.int/news/item/29-04-2019-new-report-calls-for-urgent-action-to-avert-antimicrobial-resistance-crisis 
https://www.ecdc.europa.eu/en/news-events/33000-people-die-every-year-due-infections-antibiotic-resistant-bacteria