Sebastian Zirfas, Head of Policy & Public Affairs (© Pfizer)
Viele Fragen, wenig Zeit: Die Zeit im Arztgespräch ist oft knapp. Kann künstliche Intelligenz (KI) hier helfen? Zwei aktuelle Studien geben erste Antworten darauf, was KI heute schon leisten kann, wo sie künftig konkret unterstützen könnte und wo ihre Grenzen liegen.
Dr. med. Christian Lenz ist seit Januar 2024 Medizinischer Direktor von Pfizer Deutschland. In dieser Rolle leitet er die medizinisch wissenschaftliche Abteilung für alle Therapiebereiche und ist Mitglied der Geschäftsführung. Christian Lenz hat Humanmedizin in Heidelberg studiert und erwarb einen Master of Science in pharmazeutischer Medizin in Dublin und Harvard. Seit er 2002 zu Pfizer kam, hatte er eine Reihe lokaler, regionaler und globaler Führungspositionen im Bereich Medical Affairs, Health Economics & Outcomes Research und Market Access in verschiedenen Therapiegebieten inne.
Viele Brustkrebspatient:innen haben Fragen, für die im Praxisalltag nicht immer genug Zeit ist: Welche Nebenwirkungen sind normal? Darf ich Nahrungsergänzungsmittel nehmen? Wie geht es nach der Behandlung weiter? Ein Chatbot, also ein Programm, dem man schriftlich Fragen stellt und das sofort antwortet, wäre rund um die Uhr erreichbar. Doch wie verlässlich wären seine Antworten?
Ein speziell auf Brustkrebs ausgerichteter Chatbot beantwortete 104 echte Fragen von Patient:innen. Als Wissensgrundlage dienten ihm von deutschen medizinischen Fachgesellschaften veröffentlichte, wissenschaftlich begründete Leitlinien und Therapieempfehlungen zur Diagnostik und Behandlung von Brustkrebs sowie Patienteninformationsmaterialien. Dabei handelt es sich sozusagen um das gebündelte Fachwissen zur Erkrankung Brustkrebs.
Ein erfahrener Brustkrebsexperte prüfte anschließend jede Antwort: Rund 88 % der Antworten waren inhaltlich korrekt, also fast neun von zehn. Vollständig waren dagegen 69 %, d.h. gut zwei Drittel der Antworten. Der Unterschied ist wichtig: Was der Chatbot sagte, stimmte meistens. Aber er sagte nicht immer alles, was zu einer guten Antwort dazu gehört hätte. Lücken gab es zum Beispiel bei neueren Behandlungsmöglichkeiten, die in den Leitlinien noch nicht stehen, oder bei Einzelheiten zur Nachsorge.1 Es verdeutlicht: Eine Antwort kann richtig sein und trotzdem nicht das ganze Bild zeigen. Gerade deshalb ist die ärztliche Einschätzung so wichtig. Für einen ersten Test im Bereich Brustkrebs ist dies allerdings ein vielversprechendes Ergebnis.
Nicht nur Patient:innen haben viele Fragen. Auch für das Behandlungsteam ist jede Brustkrebstherapie eine komplexe Entscheidung. In so genannten Tumorboards beraten Ärzt:innen verschiedener Fachrichtungen gemeinsam, welche Behandlung im Einzelfall am besten passt, denn für jeden Fall müssen Befunde, Krankengeschichte und aktuelle Empfehlungen zusammengetragen werden. Das ist wertvoll, kostet aber viel Zeit. Könnte KI dabei unterstützen? Ein französisches Krebszentrum hat das getestet. KI-Programme, die ähnlich wie Chatbots funktionieren, erhielten die Krankenakten von 112 Patientinnen mit Brustkrebs im frühen Stadium und sollten passende Behandlungen vorschlagen. Bei den beiden besten von drei getesteten Programmen stimmten rund 86 % der Vorschläge mit der Entscheidung des Tumorboards überein oder galten nach Prüfung durch eine Fachärztin bzw. einen Facharzt ebenfalls als anerkannte Möglichkeit. Das heißt: Entweder schlug die KI dieselbe Behandlung vor wie das Tumorboard, oder eine andere, die nach der fachärztlichen Prüfung ebenfalls als akzeptable Therapieoption eingestuft wurden.2
Beide Studien zeigten, wo KI künftig ganz konkret helfen könnte: Patient:innen könnten sich besser auf Arztgespräche vorbereiten, zum Beispiel indem sie Fachbegriffe nachschlagen oder ihre Fragen vorab sortieren. Ärzt:innen könnten bei komplexen Therapieentscheidungen unterstützt werden, wenn die KI Informationen bündelt und erste Vorschläge macht, die das Tumorboard dann prüft und auf die einzelne Patientin abstimmt.
Gleichzeitig zeigen die Studien deutlich, dass KI in der Brustkrebsversorgung noch am Anfang steht. Der Chatbot wurde nur mit Einzelfragen getestet, nicht in echten Gesprächen mit Rückfragen. Die zweite Studie fand an nur einem Krebszentrum statt. Und in beiden Fällen dienten Leitlinien als Maßstab. Sie bündeln das beste verfügbare Wissen. Welche Behandlung aber tatsächlich infrage kommt, hängt auch von der persönlichen Situation der Patientin ab: von Vorerkrankungen, Lebensumständen und eigenen Wünschen. Weitere Studien sind nötig und die ärztliche Kontrolle bleibt unverzichtbar. Was im Einzelfall die beste Behandlung ist, sollten Patient:innen mit ihrem ärztlichen Behandlungsteam klären. Dieses Gespräch, mit allen Fragen, Sorgen und persönlichen Abwägungen, kann keine KI ersetzen.
Als Unterstützung gewinnen digitale Technologien und KI in der Onkologie aber zunehmend an Bedeutung. Als forschendes Unternehmen verfolgt und gestaltet Pfizer diese Entwicklungen mit, denn der Bedarf an neuen Behandlungsmöglichkeiten ist groß: In Deutschland erkrankt fast jeder zweite Mensch im Laufe seines Lebens an Krebs.3 Pfizer stellt hierzulande Therapien zur Behandlung von insgesamt 30 Krebsarten zur Verfügung und arbeitet daran, Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die mehr Patient:innen erreichen, das Überleben potenziell verlängern und die Lebensqualität verbessern können. Ein Beispiel dafür ist OPTIMA, ein europäisches Forschungsprojekt, an dessen Leitung Pfizer beteiligt ist. Das Ziel: Menschen mit Brust-, Lungen- oder Prostatakrebs bestmöglich zu behandeln. Dafür erkennt KI Muster aus dem Behandlungsalltag vieler Patient:innen. So sollen Ärzt:innen künftig besser einschätzen können, welche Behandlung im Einzelfall passt.
KI kann dabei Wissen beisteuern, die Entscheidung treffen weiterhin Menschen gemeinsam, im Gespräch. Im besten Fall kann KI Ärzt:innen perspektivisch mehr Freiraum für das liefern, was in der Krebsbehandlung zentral ist: Zeit für ihre Patient:innen und das gemeinsame Gespräch über den richtigen Weg. Denn Erfahrung, Einfühlungsvermögen und der Blick für den ganzen Menschen bleiben ärztliche Stärken, die keine Technik ersetzen kann.
Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Nulla lacus magna, accumsan quis ante in, congue vestibulum metus.